DER GOLDENE HERBST

Es gibt eine Zeit im Jahr, die sich anfühlt, als hätte die Natur beschlossen, noch einmal alles zu geben.
Noch einmal Farbe.
Noch einmal Wärme.
Noch einmal dieses besondere Licht, das selbst gewöhnliche Dinge für einen Moment wunderschön aussehen lässt.
Der goldene Herbst.
Für mich beginnt er nicht an einem bestimmten Datum. Er beginnt an diesem einen Morgen, an dem ich vor die Tür gehe und merke, dass sich etwas verändert hat.
Die Luft ist klarer.
Kühler.
Sie riecht nach feuchter Erde, nach Holz und nach den ersten Blättern, die über Nacht zu Boden gefallen sind.
Die Sonne steht tiefer als noch im Sommer. Sie blendet zwischen den Bäumen hindurch und taucht alles in dieses warme, goldene Licht.
Und plötzlich ist er da.
Der Herbst.
Ich liebe diese ersten Tage besonders.
Wenn die Bäume noch nicht kahl sind, sondern aussehen, als hätte jemand ihre Kronen mit Gold, Kupfer und Rot bemalt.
Wenn Ahornblätter in kräftigem Rot leuchten und sich das Grün langsam mit Gelb und Orange vermischt.
Wenn die Sonne durch die Baumkronen fällt und jedes einzelne Blatt für einen kurzen Moment zu leuchten scheint.
Dann möchte ich manchmal einfach stehen bleiben.
Nur schauen.
Denn der Herbst hat eine besondere Art, uns daran zu erinnern, wieder genauer hinzusehen.
Im Sommer ist alles groß.
Grüne Landschaften. Blauer Himmel. Lange Tage.
Der Herbst dagegen steckt voller kleiner Dinge.
Eine Kastanie, die zwischen den Blättern liegt.
Ein Tautropfen auf einem Grashalm.
Eine Haselnuss am Wegesrand.
Ein rotes Blatt, das sich auf einer Wasseroberfläche dreht.
Oder eine kleine Maus, die zwischen trockenen Halmen verschwindet.
Man muss nur hinschauen.
Auf den Feldern verändert sich die Welt ebenfalls.
Das Korn ist geerntet und zurück bleiben goldbraune Stoppeln, über denen morgens manchmal noch feiner Nebel liegt.
Weiter hinten stehen Kürbisse zwischen trockenen Ranken.
Orange.
Gelb.
Grün.
Manche klein und rund, andere riesig und schwer.
Ich mag Kürbisfelder im Herbst.
Vielleicht, weil sie etwas Ursprüngliches haben.
Erde an den Händen.
Trockenes Gras unter den Füßen.
Der Wind, der durch die Pflanzen fährt.
Und irgendwo über dem Feld ziehen Vögel durch den Himmel.
Manchmal stelle ich mir vor, einfach dort zu sitzen.
Mitten zwischen den Kürbissen.
Die Sonne im Gesicht.
Eine Hand voll Haselnüsse neben mir.
Und für einen Moment gibt es nichts, das wichtiger wäre.
Auch die Tiere scheinen zu wissen, dass jetzt eine besondere Zeit beginnt.
Eichhörnchen huschen über Wege und verschwinden mit ihren Schätzen zwischen Bäumen und Hecken.
Mäuse sammeln die letzten Körner auf den Feldern.
Ein Igel raschelt irgendwo im trockenen Gras.
Und manchmal sieht man einen Fuchs.
Vielleicht nur für wenige Sekunden.
Er steht am Rand eines Feldes, das rotgoldene Fell leuchtet im Abendlicht und für einen kurzen Augenblick schaut man sich gegenseitig an.
Dann dreht er sich um und verschwindet.
Ich liebe solche Begegnungen.
Sie gehören niemandem.
Man kann sie nicht planen.
Man kann sie nicht festhalten.
Man bekommt sie einfach geschenkt.
Und dann sind da diese Herbstnachmittage, an denen die Sonne noch einmal richtig warm wird.
Nicht mehr heiß wie im Sommer.
Anders.
Sanfter.
Man setzt sich irgendwo hin und hält automatisch das Gesicht ins Licht.
Vielleicht mit einer warmen Tasse in den Händen.
Vielleicht mit einer Decke.
Vielleicht einfach mitten im Gras.
Der Wind ist kühl, aber die Sonne wärmt die Haut.
Und genau diese Mischung ist es, die ich so liebe.
Man spürt bereits, dass die kalten Monate kommen werden.
Aber noch sind sie nicht da.
Noch schenkt uns die Natur diese goldenen Tage.
Manchmal weht plötzlich ein Windstoß durch die Bäume.
Dann beginnt es über einem zu rascheln.
Ein Blatt löst sich.
Dann noch eines.
Und plötzlich fallen überall Blätter.
Manche schweben langsam.
Andere drehen sich wild durch die Luft.
Und wenn man mitten darunter steht, kann man kaum anders, als nach oben zu schauen.
Vielleicht sogar die Arme auszubreiten.
Vielleicht sich einmal zwischen all den fallenden Blättern zu drehen.
Einfach so.
Wann haben wir eigentlich aufgehört, solche Dinge zu tun?
Als Kinder hätten wir nicht darüber nachgedacht.
Wir wären durch einen Laubhaufen gerannt, hätten Kastanien gesammelt und den schönsten Stein mit nach Hause genommen, als wäre er ein Schatz.
Vielleicht sollten wir uns ein kleines Stück davon bewahren.
Denn der Herbst kann auch leicht sein.
Er muss nicht immer für Abschied stehen.
Er kann nach Zimt riechen.
Nach Kürbis.
Nach Holz.
Nach heißem Tee.
Er kann bedeuten, eine Kerze anzuzünden, obwohl es draußen noch gar nicht richtig dunkel ist.
Er kann bedeuten, sich in eine Decke einzuwickeln und dem Regen zuzuhören.
Oder an einem sonnigen Nachmittag hinauszugehen und mit roten Wangen wieder nach Hause zu kommen.
Es gibt Tage, an denen der Wind so stark ist, dass die Haare irgendwann ohnehin machen, was sie wollen.
Dann soll er eben wehen.
Besonders schön finde ich den Herbst kurz vor Sonnenuntergang.
Wenn die Schatten länger werden und das Licht plötzlich tiefgolden über die Landschaft fällt.
Dann sieht selbst ein altes Feld wunderschön aus.
Trockene Gräser beginnen zu leuchten.
Spinnweben werden sichtbar.
Der Rand eines Blattes bekommt einen goldenen Saum.
Und irgendwo in der Ferne zieht vielleicht eine Schar Vögel über den Himmel.
Für wenige Minuten scheint die ganze Welt aus Gold zu bestehen.
Vielleicht ist es genau deshalb der goldene Herbst.
Nicht nur wegen der Farbe seiner Blätter.
Sondern wegen seines Lichtes.
Es ist ein Licht, das nichts verändern muss, um etwas schön zu machen.
Es fällt einfach darauf.
Auf alte Bäume.
Auf trockene Felder.
Auf verwittertes Holz.
Auf Erde.
Auf unsere Gesichter.
Und plötzlich sieht man all diese Dinge ein bisschen anders.
Später am Abend wird es kühl.
Dann kommt man nach Hause.
Vielleicht mit ein paar Kastanien in der Tasche.
Mit Erde an den Schuhen.
Mit zerzausten Haaren vom Wind.
Man macht es sich gemütlich.
Draußen wird der Himmel langsam dunkelblau und die letzten Blätter bewegen sich vor dem Fenster.
Drinnen brennt eine Kerze.
Vielleicht hört man Musik.
Vielleicht erzählt jemand etwas.
Vielleicht sagt auch einfach niemand etwas.
Und manchmal ist genau das genug.
Ich glaube, der Herbst erinnert uns nicht nur daran, dass die Zeit vergeht.
Er erinnert uns daran, sie wahrzunehmen.
Den warmen Sonnenstrahl, solange er da ist.
Das Rascheln der Blätter.
Den Geruch nach Regen.
Die kleine Maus zwischen den Halmen.
Den Igel im Gras.
Den Fuchs am Feldrand.
Die Haselnüsse in unseren Händen.
Die Kürbisse auf dem Feld.
Den Nebel am Morgen.
Und diesen einen Baum, der im Abendlicht aussieht, als würde er brennen.
All diese kleinen Dinge sind vielleicht nichts Besonderes.
Und gleichzeitig sind sie alles.
Vielleicht brauche ich deshalb keine perfekte Jahreszeit.
Keinen endlosen Sommer.
Keinen Himmel, der immer blau ist.
Gib mir einen goldenen Herbsttag.
Ein Feld.
Ein paar Wolken.
Wind in den Haaren.
Rote und goldene Blätter unter meinen Füßen.
Eine warme Tasse am Abend.
Und dieses Licht.
Dieses wunderbare, tiefe, goldene Licht.
Dann bin ich glücklich.
Denn manchmal liegt das Schöne nicht darin, dass etwas für immer bleibt.
Manchmal reicht es vollkommen, mitten darin zu stehen, die Sonne im Gesicht zu spüren und für einen Augenblick zu denken:
Wie schön die Welt doch im Herbst sein kann.